Tai Chi – die Kunst der Entspannung

1 Star2 Stars3 Stars4 Stars5 Stars (4 Bewertungen, Durchschnitt: 3,50 Sterne von 5)

Tai Chi

Tai Chi ist eine alte chinesische Kampfkunst, die ihre Wurzeln im 13. Jahrhundert hat und in unseren Breiten besser als Schattenboxen bekannt ist. Tatsächlich beinhalten die langsamen, wohl kontrollierten Bewegungsabläufe eher Elemente der Gymnastik, Bewegungsschulung und Entspannungsarbeit, denn einer Kampfart. Tai Chi überzeugt in seiner umfassenden Wirkung als Gesundheitstraining, Atemschulung, Selbstverteidigung, Entwicklung innerer Stärke und als Weg zur Selbstentfaltung.

Taiji, Tai Chi, Taijiquan oder T’ai Chi Ch’uan – es gibt zahlreiche Schreibweisen und Bezeichnungsvarianten für Tai Chi – die Bedeutung ist aber allen gleich: es beschreibt den ungestörten, harmonischen Fluss an Körperenergie (Chi oder Ji) und ein System ausgeklügelter Bewegungen, einer Abfolge von Übungen mit langsamen, fließenden Bewegungen von meditativem Charakter. Es gibt dabei einige unterschiedliche Ausprägungen, die von philosophischen, esoterischen oder spirituellen Ansätzen über reine Wellnessanwendungen bis hin zu realistischer Selbstverteidigung reichen. Letztere ist als Tai Chi Quan, einer Kampfkunst mit zahlreichen Schulen und Kampfstilen bekannt.

Yin und Yang: zwei Gegensätze formen ein Ganzes

Und was hat das mit Yin und Yang zu tun? Viel! Tai Chi besteht nämlich aus einer genau festgesetzten Bewegungsabfolge, wobei Yangbewegungen und Yinbewegungen einander ablösen. Durch diese Technik wird das Qi trainiert, wo es im Mangel vorhanden ist, aufgefüllt, sowie das Fließen der Energie angeregt. Richtig durchgeführt fördert es das Selbstbewusstsein, die Konzentration und die Harmonie der Seele.

Förderlich ist diese fernöstliche Technik aber auch noch der Entspannung, der Koordinationsfähigkeit, der inneren und äußeren Balance, der harmonischen Atmung, der Zwerchfellatmung, dem Blutfluss durch Haut und innere Organe, Stoffwechsel und Verdauung, der Beweglichkeit und natürlich auch ganz allgemein einer guten und physiologisch richtigen Haltung.

Auf einen kurzen Nenner gebracht: Tai Chi fördert die Lebensenergie Chi. Das geschieht durch harmonische, genau vorgegebene Bewegungsabläufe, die langsam und gleichmäßig durchgeführt werden. Tai Chi wird übrigens in der deutschen Sprache „Schattenboxen“ genannt. Was vielleicht die falsche Vorstellung von brutalem Kampf, von Dreinschlagen vermitteln könnte. Das Gegenteil ist der Fall. Wenn ein Chinese von Tai Chi spricht, spricht er vom „Weg der Harmonie“. Ganz so falsch ist „Schattenboxen“ aber dennoch nicht, weil es sich tatsächlich um eine Kampfsportart handelt. Will heißen, Kampf gegen innere Feinde, wie Krankheiten und Schwächen.

Geschichtliche Entwicklung von Tai Chi

Tai Chi enthält neben den Kampfelementen auch wesentliche Elemente aus der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) sowie der taoistische Meditation und Philosophie.

Tai Chi ist aber auch ein Zweig innerhalb der traditionellen Kampfkünste Wushu. Als sogenannte „innere Kampfkunst“ stellt sie dabei den Gegenpart zu den „äußeren Kampfkünsten“, wie etwa Shaolin Kung Fu dar. Als Ursprung dieser neuen Form wird der taoistischen Shaolin-Meister Chang San-Feng (auch Zhang Sanfeng) genannt, der erstmals externes Training mit Hilfsmittel wie Stöcken, Sandsäcken oder Gewichten vollkommen abschaffte und dafür medidative Elemente, Energiearbeit und Kampfkunst zu einer neuen Form verschmelzen ließ.

Im 17. Jahrhundert entwickelte der ehemalige Soldat Chen Wang Ting den bis heute praktizierten Chen-Stil. Dieser Stil ist geprägt von jenen philosophischen Elementen, die heute typisch sind für die „moderne“ Form des Tai Chi: die taoistischen Prinzipien, insbesondere die Yin & Yang-Lehre. Während seiner Zeit löste auch die Bezeichnung „Tai Chi Chuan (Taijiquan)“ den vorherrschenden Namen „Wudang Kung Fu“ ab.

Tai Chi aus medizinischer Sicht

Von Beginn an wurde Tai Chi in China ausgeübt, um den Körper fit zu halten und um Krankheiten vorzubeugen oder sie zu heilen.

Im Zentrum des philosophischen Konzepts steht die Annahme, dass Gesundheit das harmonische Gleichgewicht von Yin und Yang darstellt. Krankheit ist demnach auf ein bestehendes Ungleichgewicht dieser beiden Kräfte zurückzuführen. Wenn man mit Yin und Yang so etwas wie regulierende Kräfte verbinden kann, so kann man Qi als Art Lebenselixier, göttlichen Atem oder einfach Lebenskraft übersetzen. Man könnte es auch mit Lebensenergie gleichsetzen.¹

Als logisches therapeutisches Prinzip ergibt sich daraus jedenfalls die Stärkung des erwähnten Gleichgewichts.

Noch populärer wurde dieser Sport, als im Jahr 1956 vereinfachte Übungen ausgearbeitet wurden. Tai Chi Chuan, das in den Krankenhäusern und Sanatorien oft einen wichtigen Teil des Behandlungsprogramms ausmacht, hat sich bei der Bekämpfung solcher chronischer Krankheiten wie Bluthochdruck, Neurasthenie und Lungentuberkulose als wirksam erwiesen.

Hinsichtlich der Auswirkungen von Taiji-Training auf das Herz-Kreislaufsystem hat Lukas Grossmayer im Rahmen seiner Diplomarbeit 2008 einige Studien aus der medizinischen Fachdatenbank PUBMED genauer analysiert. Dabei bestätigen sieben von neun Studien eine signifikante Verbesserung des Blutdruckverhaltens, zwei Studien berichten von einer signifikant positiven Auswirkung auf die Herzfrequenz, im Bereich posturaler Kontrolle vermelden sämtliche vorgefundene Untersuchungen signifikante Ergebnisse in verschiedene Richtungen. Er weist allerdings darauf hin, dass aufgrund der Unterschiede zwischen einzelnen Studiendesigns nur schwer generalisierte Aussagen getroffen werden können. ¹

Die zuträglichen Effekte des Tai Chi Chuan haben jedenfalls viel mit seinen Eigenarten zu tun, als da sind:

  1. Die Übungen erfordern einen hohen Grad an Konzentration, wobei der Geist von keinen anderen Dingen abgelenkt wird.
  2. Alle Bewegungen werden langsam ausgeführt und fließen in einem ununterbrochenen Strom dahin.
  3. Die Atmung ist natürlich und geht zuweilen ganz in Bauchatmung über. Sie wird in rhythmischer Harmonie mit den übrigen Bewegungen des Körpers ausgeführt.

Zahlreiche Studien sind auch der Frage nachgegangen, ob Tai-Chi das Herz-Kreislauf-Risiko reduzieren kann. Die Ergebnisse kommen relativ einheitlich zu einem positiven Schluss, insbesondere zeigt sich eine Normalisierung erhöhter Blutdruckwerte. Insbesondere ältere Menschen, die regelmäßig Taiji praktizieren, scheinen von Verbesserungen des kardiovaskulären Systems zu profitieren.²

Tai Chi in der Sportmedizin

Vom Standpunkt der Sportmedizin aus sollen diese Eigenarten des Tai Chi Chuan sehr zur Vorbeugung und zur Behandlungen von Erkrankungen beitragen. Das hohe Maß an Konzentration, das Tai Chi Chuan erfordert, fördert ebenfalls die Funktionen des Zentralen Nervensystems. Da Körper und Geist zeitgleich in Anspruch genommen werden, regen diese Übungen die Hirnrinde an, reizen einerseits verschiedene Regionen und wirken andererseits hemmend auf einige andere ein. Dies ermöglicht dem Gehirn, sich auszuruhen und entlässt die Großhirnrinde aus der pathologischen Spannung, die von allerlei Unbehagen hervorgerufen wird. Somit trägt dieser Sport zur Heilung von verschiedenen Nerven- und Seelenerkrankungen bei.

Tai Chi ist kein esoterisches Wundermittel gegen Krankheiten. Jedem Anfänger leuchtet aber ein, dass Tai Chi Chuan den ganzen Bewegungsapparat, den aktiven und den passiven, voll beansprucht. Während des Übens wird die Muskulatur auf angenehme Weise durchgearbeitet, im Wechsel zur Spannung gebracht und wieder entspannt.

Besonders wird die Beinmuskulatur durch die kontinuierlichen Beuge- und Streckbewegungen der Knie gefordert und damit gekräftigt. Tai Chi ist ein vortreffliches Mittel, um die Zunahme der Knochenmasse zu begünstigen und so der Osteoporose entgegenzuwirken. Die Flexibilität des gesamten Bewegungsapparates wird durch die sanfte Art der Bewegungsführung trainiert und damit im einzelnen die Beweglichkeit der Körpergelenke und die Dehnfähigkeit der Muskulatur ingesamt verbessert und bewahrt.

————

Quellen:

¹
² „Health benefits of Tai Chi exercise: improved balance and blood pressure in middle-aged women. (Thornton, E. W., Sykes, K. S. & Tang, W. K. in Health Promotion International, 19 (1), 33-38. 2004)

Stand: 12/2018

Fotohinweis: Fotocredit by pixabay.com

Linktipps

– Jin Shin Jyutsu – Energieblockaden einfach lösen
– TCM – Traditionelle Chinesische Medizin
– Entspannen kann man lernen
– Atemtherapie: richtig atmen will gelernt sein
– Nuad Thai Massage Bodywork

Das könnte Sie auch interessieren...