Wunderbeere macht aus sauer süß

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Wunderbeere, Wunderfrucht, Miracle Berry, Miracle Fruit

Sauer macht lustig, aber süß macht noch viel lustiger. Werfen Sie kleine rosa Pillen ein und erleben Sie Ungewöhnliches. Nein, mit Drogen hat das nichts zu tun, vielmehr mit dem Extrakt einer afrikanischen Beere, das die Geschmacksnerven ziemlich verwirrt.

Wunderbeere – Artikelübersicht:

Beherzt in eine Zitrone beißen, mit Gusto ein Glas Essig leeren und abei nicht einmal das Gesicht verziehen – weil alles süß und fruchtig schmeckt? Wer das tut hat sicher zuvor eine Pille mit dem Extrakt der sogenannten Miracle Berry (Synsepalum dulcificum) eingeworfen.

Die Rede ist von der sogenannten Wunderbeere, oder eben Miracle Fruit, einer kleinen roten Beere aus Westafrika. Die Beere selbst schmeckt nicht besonders aufregend (der Geschmack erinnert entfernt an den von Cranberries bzw. Moosbeeren) und die Pillen sind überhaupt praktisch geschmacklos. Und doch hat es der Inhaltsstoff – ein Glykoprotein mit dem passenden Namen Miraculin – in sich.

Was ist die Wunderbeere?

Die Wunderbeere (Synsepalum dulcificum, Sideroxylon dulcificum oder Mirakelfrucht) ist eine Pflanzenart aus der Familie der Sapotengewächse und stammt ursprünglich aus Westafrika. Der immergrüne Baum wurde erstmals 1725 von dem französischen Forscher Chevalier des Marchais dokumentiert. Er trägt zweimal pro Jahr kirschgroße purpurrote Früchte. Das tropische Gewächs lässt sich auch in unseren Breiten als Zimmerpflanze anbauen, wird aber höchstens 1,5 Meter hoch und braucht viel Pflege. Die ersten Früchte sind allerdings frühestens in drei bis fünf Jahren zu erwarten. Für ein gutes Gedeihen ist ein saurer Boden (pH-Wert zwischen 4,5 und 5,8), viel Feuchtigkeit und absolute Frostfreiheit erforderlich.

Frische Beeren sind sehr verderblich, weshalb der Wirkstoff zumeist in Form von Tabletten angeboten wird. Die Tablette wird im Mund entweder gelutscht oder leicht zerkaut. Das Runterschlucken der aufgelösten Tablette ist nicht notwendig, da das Miraculin nur die Geschmacksknospen auf der Zunge beeinflusst. Wer die Süße nicht mehr aushält, kann den Effekt mit heißen Speisen oder einer Tasse bitterem Kaffee jederzeit abbrechen, da Miragulin ziemlich hitzeempfindlich ist.

Flavor Tripping: magische Geschmacksreise mit Miracle Fruit

Nach dem Verzehr der Pille nämlich schmeckt alles was eigentlich sauer oder bitter ist plötzlich ausgesprochen süß und lecker.

Miracle Frooties

Miracle Frooties, gefriergetrocknete Wunderbeere in Tablettenform. Fotocredit: Alexander Klink

Der genaue Vorgang bei der Geschmacksverwandlung ist noch nicht bekannt. Es wird vermutet, dass das Miraculin die Struktur der eschmacksknospen der Zunge verändern kann, wodurch die Süß-Rezeptoren durch Säuren angesprochen werden können, die normalerweise sauer schmecken. Die restlichen Geschmackszellen werden nicht beeinflusst.

Der Effekt bleibt, bis sich die Geschmackszellen nach ungefähr zwei bis vier Stunden wieder normalisiert haben. Nimmt man eine größere Menge zu sich, kann die Wirkung bis zu einem ganzen Tag anhalten.

Es verwundert nicht, dass die Pillen mittlerweile einen regelrechten Partytrend ausgelöst haben: Auf sogenannten Flavor Tripping (Geschmacks-Trip) Parties nehmen die Teilnehmer Wunderbeeren oder auch Wunderbeere-Tabletten zu sich um, danach die veränderte Geschmackswahrnehmung an Zitronen, Guinness-Bier, Tabasco oder Essiggurken zu erfahren.

Orangensaft verwandelt sich in Zuckersirup, saure Äpfel werden zu süßen Dessertbomben und selbst ein rescher Veltliner verwandelt sich in picksüßen Dessertwein.

Gefährliche Chemie oder lustiger Internet-Hype?

Tatsächlich beeinflussen die Inhaltsstoffe der sogenannten Mirakelfrucht unser gustatorisches Empfinden dramatisch, gefährlich ist sie dabei aber nicht.

Jeder, der es selbst ausprobiert hat muss bestätigen, dass die Wunderbeere tatsächlich die Geschmacksknospen auf der Zunge derartig zu manipulieren vermag, dass Saures plötzlich zuckersüss schmeckt. Es handelt sich dabei weder um einen Internet-Hoax noch um synthetischen Hokuspokus, vielmehr steckt hinter der Geschmacksverwirrung das Eiweiss Miraculin, ein sogenanntes Glycoprotein welches die Geschmacksknopsen auf der Zunge blockiert, die für die Empfindung „sauer“ zuständig sind. Die Säure wird zwar auch registriert, durch die Süße aber wesentlich abgeschwächt. Speisen ohne Säure und Zucker sind von dem Effekt übrigens nicht betroffen und schmecken nicht anders als vorher. Auch Schärfe wird – entgegen oftmals anderwertiger Behauptungen – nicht gemildert.

Mitglieder afrikanischer Stämme wissen jedenfalls schon lange um die „magische“ Wirkung der roten Beere und verzehren vor dem Essen traditionell einige Beeren und verbessern damit den Geschmack ihrer Speisen.

Wunderpille für Diabetiker?

Diese Eigenschaften verheissen tatsächlich Gutes: Dieser Stoff lässt nicht nur Diabetiker-Herzen höher schlagen, denn er hat keinerlei Kalorien, sorgt für intensiven süßen Geschmack und ist absolut natürlichen Ursprungs.

Miraculin könnte zukünftig als kalorienarmer, für Diabetiker geeigneter Süßstoff genutzt werden, und Diätwillige in der ganzen Welt können hoffen, dass die Wunderbeere bald Zucker ersetzt und so beim Abnehmen hilft. Diabetiker hätten eine Alternative zu künstlichen Süßstoffen, die nicht selten einen unangenehmen Nachgeschmack haben und zudem appetitanregend wirken können.

Nachgewiesen wurde auch eine verbesserte Insulinsensivität, was bedeutet dass die Wirkung von Insulinpräparaten für Diabetiker verbessert werden könnte. Darüber hinaus berichten Krebspatienten, dass der Genuss der Beere den metallischen Geschmack im Mund beseitigt, der als Nebenwirkung bei einer Chemotherapie auftritt.

Doch wie schon bei der Grünpflanze Stevia (Süßkraut) hat die internationale Zucker- und Süßstoffindustrie scheinbar etwas dagegen. Laut Bild versuchten amerikanische Unternehmer bereits in den 1970er-Jahren Miraculin zu vermarkten. Es fehlte nur die Zustimmung der amerikanischen Zulassungsbehörde für Nahrungs- und Arzneimittel (FDA), die kam aber nicht. Offenbar auf massiven Druck bestimmter Lobbyisten entschied die FDA letztlich überraschend, dass Miraculin nicht als Nahrungsmittel, sondern nur als Nahrungsmittelzusatz zugelassen werden könne. Das hätte allerdings zahlreiche zusätzliche Tests erfordert, die die interessierte Firma nicht finanzieren konnte.

Die aktive Substanz wurde erstmals vermutlich vom japanischen Wissenschaftler Kenzo Kurihara im Jahr 1968 isoliert, mittlerweile hat die in New Jersey (USA) beheimatet Firma BioResources International, Inc. ein ökonomisch sinnvolles Verfahren entwickelt, Miraculin aus Wunderbeeren zu gewinnen und führt die nötigen Tests für die Zulassung als Nahrungsmittelzusatz durch.¹

Anwendung und Bezugsquellen

Der Bezug der Wunderbeeren ist in der EU vollkommen legal und auch gesundheitliche Nebenwirkungen sind nicht zu befürchten. Allerdings sind sie – anders als in Japan – noch nicht als Lebensmittel zugelassen und werden daher zumeist als Rauchwerk bzw. Räucherwerk verkauft, nicht selten mit dem expliziten Zusatz „Nicht zum Verzehr geeignet“. Wie erwähnt, war dies lange Zeit auch beim Süßkraut (Stevia) der Fall, dieses wurde daher als Bademittelzusatz verkauft, bis es schließlich doch als Lebensmittel in der EU zugelassen wurde.

Das gefriergetrocknete Extrakt der Synsepalum dulcificum in Tablettenform kann man jedenfalls seit einiger Zeit problemlos im Internet bestellen. Seit die Beeren in der New York Times für Schlagzeilen sorgte, boomt das Geschäft. Der Bezug ist legal, zudem wird in der EU bereits an gesetzlichen Grundlagen für den Verkauf der Wunderbeere als Novel Food gearbeitet.

Nicht zuletzt auch deshalb, weil die Wirkung vor allem für die Getränke-Industrie interessant sein dürfte. Süssgetränke wie Orangenlimonade enthalten meist auch Säure. Kombiniert mit Miraculin würde diese Säure einen süssen Geschmack auslösen, auch ohne, oder viel weniger Zucker. Damit könnten unerwünschte Nebeneffekte und viele unnötigen Kalorien gespart werden. Ob und wie schnell sich die Wunderbeeren tatsächlich industriell durchsetzen können, ist letztlich eine Frage der Kosten der Gewinnung des enthaltenen Eiweissstoffes.

Stand: April 2019

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Quellen:

¹ BioResources International, Inc. (www.miraculin.com – derzeit offline; Stand 04/2019)
²

Fotohinweis: sofern nicht extra anders angegeben, Fotocredit by Fotolia.com

Linktipps

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Fotocredit Miracle Footies: https://commons.wikimedia.org/wiki/User:AlexanderKlink?uselang=de

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